Erfahrung schützt uns vor Fehlern. Sie kann uns aber auch davon abhalten, neue Erfahrungen zu machen.

Je länger wir in einem Beruf, einer Branche oder einer Führungsrolle unterwegs sind, desto besser wissen wir, wie Dinge funktionieren. Wir erkennen Muster schneller, können Risiken besser einschätzen und wissen, welche Wege sich bewährt haben. Genau darin liegt der große Wert von Erfahrung: Sie hilft uns, Situationen schneller einzuordnen und nicht jeden Fehler selbst machen zu müssen. Gleichzeitig hat Erfahrung aber auch eine Kehrseite. Mit zunehmender Erfahrung wächst nicht nur unser Wissen darüber, was funktioniert, sondern häufig auch unser Wissen darüber, warum etwas angeblich nicht funktionieren kann. Sätze wie „Das haben wir schon versucht“, „Dafür haben wir keine Zeit“, „Das funktioniert bei uns nicht“ oder „Ich kenne das Geschäft lange genug“ klingen vernünftig und manchmal sind sie es auch. Aber manchmal verhindern genau diese Sätze, dass wir etwas Neues überhaupt noch ausprobieren.

Ein Plädoyer für ein bisschen Naivität

„Naiv“ ist im Deutschen kein besonders positives Wort. Wer als naiv bezeichnet wird, gilt schnell als leichtgläubig, unerfahren oder weltfremd, als jemand, der Risiken nicht erkennt oder die Realität nicht richtig einschätzen kann. Natürlich gibt es diese Form von Naivität, und blind Risiken zu ignorieren oder Warnsignale auszublenden ist weder mutig noch besonders klug. Trotzdem steckt in dem Begriff aus meiner Sicht auch eine Haltung, die im Berufsleben sehr wertvoll sein kann: offen und unvoreingenommen auf etwas Neues zu schauen, eine Idee zu verfolgen, obwohl der Ausgang noch unklar ist, Fragen zu stellen, obwohl andere glauben, die Antwort längst zu kennen, und Dinge auszuprobieren, ohne vorher jede Eventualität abgesichert zu haben. Diese Form von Naivität würde ich eher als produktive Unvoreingenommenheit beschreiben. Nicht im Sinne von „Das wird schon irgendwie funktionieren“, sondern eher: „Ich weiß noch nicht, ob es funktioniert. Aber ich möchte es herausfinden.“

Erfahrung kann zum Filter werden

Erfahrung verändert unseren Blick auf die Welt. Das ist zunächst hilfreich, weil wir nicht jede Situation komplett neu bewerten müssen. Unser Gehirn greift auf Muster zurück, erkennt Ähnlichkeiten, zieht Schlussfolgerungen und trifft Entscheidungen schneller. Genau darin liegt aber auch das Risiko: Wir sehen eine neue Situation und ordnen sie sofort einer alten Erfahrung zu. „Das kenne ich“, „So etwas hatten wir schon“, „Ich weiß, wie das endet“. Damit reduzieren wir Komplexität, manchmal aber auch unsere Offenheit. Denn vielleicht ist die Situation eben doch nicht dieselbe. Vielleicht haben sich die Rahmenbedingungen verändert, vielleicht funktioniert eine alte Idee heute unter neuen Voraussetzungen oder wir haben beim letzten Versuch etwas übersehen. Gerade dann kann eine scheinbar naive Frage erstaunlich viel Bewegung erzeugen: Warum machen wir das eigentlich so?

Auch in Teams zeigt sich dieser Mechanismus sehr deutlich. Menschen mit viel Erfahrung können einen enormen Beitrag leisten, weil sie Risiken erkennen und Zusammenhänge sehen, die anderen entgehen. Gleichzeitig kann genau diese Kompetenz dazu führen, dass neue Gedanken sehr früh bewertet werden. Wer auf eine Idee sofort zehn Gründe hört, warum sie nicht funktionieren kann, wird irgendwann weniger Ideen äußern. Lernen beginnt dagegen häufig mit einem Satz, der zunächst nicht besonders professionell klingt: „Keine Ahnung, ob das funktioniert.“ Darin steckt aber etwas Entscheidendes: die Bereitschaft, eine Antwort nicht vorwegzunehmen, sondern sie durch Erfahrung entstehen zu lassen.

Der innere Bedenkenträger

Viele Menschen kennen diesen inneren Anteil ziemlich gut. Kaum entsteht eine neue Idee, meldet er sich und liefert zuverlässig Argumente: zu riskant, zu aufwendig, zu unsicher, lieber noch einmal nachdenken. In der Logik von IFS, dem Internal Family Systems Ansatz, wäre die spannende Frage nicht: Wie werde ich diesen Anteil los? Sondern: Wovor versucht er mich zu schützen? Vielleicht möchte dieser innere Bedenkenträger verhindern, dass wir scheitern, uns blamieren, Kontrolle verlieren oder enttäuscht werden. Das macht ihn nicht zum Gegner. Im Gegenteil: Seine Perspektive kann sehr wertvoll sein. Die entscheidende Frage ist eher, wann er zu Wort kommt. Vielleicht muss der Bedenkenträger gar nicht verschwinden, sondern darf einfach etwas später an den Tisch kommen: erst „Was wäre möglich?“, dann „Was müssen wir dabei beachten?“. Erst Neugier, dann Realitätscheck. So wird aus Vorsicht keine Verhinderung.

Führung bedeutet auch, Raum für Ausprobieren zu schaffen

Gerade Führungskräfte prägen stark, wie viel produktive Naivität in einem Team möglich ist. Auf eine ungewöhnliche Idee kann man mit „Das funktioniert so nicht“ reagieren oder mit „Interessant. Was müsste passieren, damit es funktionieren könnte?“. Der Unterschied wirkt klein, ist aber erheblich. In der ersten Variante endet das Denken, in der zweiten beginnt es. Das bedeutet natürlich nicht, dass jede Idee umgesetzt werden muss. Aber bevor wir beurteilen, ob etwas realistisch ist, lohnt es sich häufig, die Idee zunächst etwas weiterzuentwickeln. Gerade in Workshops, Innovationsprozessen oder Veränderungssituationen entsteht Neues oft dann, wenn Menschen für einen Moment ihre gewohnten Bewertungen zurückstellen und sich erlauben, Möglichkeiten zu erkunden.

Dazu braucht es psychologische Sicherheit. Sie zeigt sich nicht nur darin, ob Menschen kritische Fragen stellen dürfen, sondern auch darin, ob sie sagen können: „Ich habe eine Idee“, „Ich bin mir noch nicht sicher“, „Vielleicht funktioniert das nicht“ oder „Lass es uns ausprobieren“. Wenn ein fehlgeschlagener Versuch automatisch als persönliches Versagen gewertet wird, entsteht verständlicherweise Vorsicht. Wenn Lernen dagegen wichtiger ist als Rechtbehalten, entsteht Raum für Experimente. Nicht jedes Experiment wird funktionieren. Aber ohne die Bereitschaft, Dinge auszuprobieren, wird aus Erfahrung irgendwann reine Risikovermeidung.

Nicht weniger Erfahrung – sondern mehr Offenheit

Es geht deshalb nicht darum, Erfahrung abzuwerten. Im Gegenteil: Erfahrung ist ein enormer Vorteil. Sie ist vermutlich dann am wertvollsten, wenn wir sie nicht mit Gewissheit verwechseln. Vielleicht brauchen wir beides: die Erfahrung, die uns vor bekannten Fehlern schützt, und die Neugier, die uns erlaubt, trotzdem neue Wege zu gehen. Professionalität bedeutet dann nicht, alles schon zu wissen, sondern zu erkennen, wann das eigene Wissen hilfreich ist und wann es sinnvoll sein kann, es für einen Moment zur Seite zu stellen. Vielleicht sollten wir uns unsere Naivität deshalb nicht vollständig abgewöhnen. Zumindest nicht die gute Form davon: die, die uns offen genug hält, um zu sagen: „Keine Ahnung, ob das funktioniert. Lass es uns herausfinden.“

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